Predigt im Pontifikalamt zu "50 Jahre Oblaten des hl. Franz von Sales im Kloster Saarn"

Liebe Mitbrüder im geistlichen Amt,
liebe Patres und Brüder der Oblaten des hl. Franz von Sales,
liebe Schwestern und Brüder
liebe Festgemeinde!

I.
„Ich habe ihn erfasst und lasse nicht mehr los – Tenui nec dimittam“: So heißt es im Wappen der Oblaten des hl. Franz von Sales, das gekrönt wird von einem Kreuz und den beiden Buchstaben „V + J: Vivat Jesus – Es lebe Jesus“. Damit ist ein Lebensprogramm gegeben, mit dem die Oblaten des hl. Franz von Sales die geistlichen Lehren und die Spiritualität des hl. Franz von Sales leben und verbreiten. Der Orden, 1872 von Louis Bresson und Maria Salesier Chappui in Troyes in Frankreich gegründet, hat seine Aufgabe darin, „die Nachfolge Christi und den Dienst der Kirche in der modernen Welt zu verwirklichen, indem sie die Lehre des hl. Franz von Sales leben und verbreiten. Der Dienst der Kirche kann alle Formen annehmen, die die Zeichen der Zeit verlangen“, so schreiben sie selber. Darum gibt es viele Orte, an denen sie tätig sind, so in der Pfarrseelsorge, in Schule und Erziehung, aber auch in der Missionsarbeit und im weiten Raum aller modernen Kommunikationsmittel.

II.
Dahinter steht eine der großen geistlichen Gestalten unserer Kirche, nämlich von Franz von Sales, der von 1567 bis 1622 gelebt hat und zu den großen Gestalten der Erneuerung der katholischen Kirche nach den Wirren der Reformationszeit gehört. Er wird als ein liebevoller und liebenswürdiger Mensch beschrieben, voll von gesundem Menschenverstand, Humor und Charme, begabt mit einem hohen schriftstellerischen Charisma: im besten Sinne des Wortes ein „Seelenführer“. Er wird nicht müde, darauf hinzuweisen, dass alle Frömmigkeit und alles geistliche Leben in der Praxis des Alltags beginnen und dort enden, also mit dem alltäglichen, ganz normalen Versuch, unter den Augen Gottes menschlich und d.h. christlich bzw. christlich und das d.h. menschlich zu leben. Dabei weiß er, wie wichtig es ist, sich in einem langen und geduldigen Mühen um anderen Menschen im Glauben zu bewähren. Dazu gehört, wie er poetisch wunderbar schreibt, „der Geist der Höflichkeit und der Milde“ und eine „Einfachheit des Herzens“, die eine innere Ausgewogenheit jenseits aller Übertreibung und ein Achtsamsein auf Gott übt, um, ganz in sich gesammelt, ganz bei Gott und ganz bei den Menschen zu sein.

Beim Lesen seiner Texte ist mir aufgefallen, dass dahinter viel Unverkrampftes, nicht Gewaltsames und, bei aller geistlichen Disziplin, Leichtes und Freudiges liegt. Zugleich sind diese Haltungen Resultat eines großen Kampfes, um nämlich ein Mensch der christlichen Freiheit zu sein, der sich ganz von Gott her versteht, einer Freiheit als Befreiung von allem, was nicht Gott ist, um so ganz aus der Beziehung zu Jesus Christus, dem Gekreuzigten, zu leben, schlicht: Es geht um ein Leben in christlicher Verwirklichung der Nachfolge.

Darum auch beginnt dieses christliche Leben mit einem Entschluss, nämlich es ernst zunehmen mit dem Christsein, mit der Mühe, Gottes Willen zu entsprechen und seinen Weisungen zu folgen und es mit einer Gottesnähe zu wagen, die den Menschen bis an seine Grenzen fordert. Es geht um eine lebenslange wechselvolle Geschichte zwischen Gott und Mensch, die immer wieder auf Christus Bezug nimmt. Darum ist für ihn auch das Gebet so besonders bedeutsam und von hierher jede Struktur des Lebens in Ethos und Moral zu verstehen, die mehr ist als eine innerweltliche pädagogische Anweisung zum rechten Leben, sondern schlicht das neue Leben in Christus zeigt, das im Beten und im konkreten Tun als den beiden Seiten der einen christlichen Verwirklichung des Rufes Gottes seinen Ausdruck findet. Dabei ist Franz von Sales ein ganz nüchterner und um die Stärken und Schwächen der Menschen wissender Mann, der so von Gott ergriffen ist, dass er innerlich ganz leer werden will, damit Gott ihn ganz erfüllen kann, eben im Nachvollzug jener Armut, von der der hl. Franz von Assisi gesprochen hat, um als Christ ganz mit Christus verbunden sein kann. Darum auch ist die Nähe des hl. Franz von Sales zu Jesus Christus, der nackt am Kreuz hängt, so groß.

III.
Eine solche geistliche Tiefe will praktisch werden. Darum auch muss es um Verkündigung gehen, um diesen großen Reichtum Christi den Menschen nahezubringen. Darin ist der hl. Franz von Sales dem Apostel Paulus nahe, der an die Gemeinde in Ephesus schreibt: „Ich soll den Heiden als Evangelium den unergründlichen Reichtum Christi verkündigen und enthüllen, wie jenes Geheimnis Wirklichkeit geworden ist, das von Ewigkeit her in Gott, dem Schöpfer des Alls, verborgen war“ (Eph 3,8-9). Dieser Auftrag hat sich für die Oblaten des hl. Franz von Sales seit 50 Jahren hier im Kloster Saarn und in der Pfarrseelsorge in der Pfarrei St. Mariä Himmelfahrt konkretisiert. Sie haben dies getan, eingedenk der Verheißung ihres Ordensgründers an seine Patres und Brüder: „Mögen sie dort blühen, wo Gott sie hin gepflanzt hat“ (Franz von Sales). Der Evangelist Lukas sagt es im heutigen Evangelium konkret, wenn er von der Aussendung der 72 Jünger durch Jesus berichtet, damit diese dorthin gehen, wo er selbst hingehen wollte (vgl. Lk 10,1). Dabei sollen die Jünger arm sein, bar jeden Schutzes, aber voll des Friedens, den sie allen wünschen mögen (vgl. Lk 10,5-6), um Kranke zu heilen und allen zu sagen, dass das Reich Gottes nahe ist (vgl. Lk 10,9).

IV.
Eine Weise, dies zu tun, die uns Christen selbst in die innere Mitte unseres Lebens in der Nachfolge ruft, ist es, das Gebet zu üben. Der hl. Franz von Sales erinnert dabei daran, dass uns alle unsere Anstrengungen nicht wirklich helfen, wenn wir nicht unser Herz offenhalten für den Himmel (vgl. OE 13, S. 385 f, Brief an eine Dame, 1605-1608, zitiert nach: Texte zum Nachdenken. Franz von Sales. Feuer und Tau. Freiburg 1986, S. 45). Auf diese Weise sollen wir lernen, im Beten vor Gott zu stehen, „um mit ihm zu sprechen und ihn mit uns sprechen zu hören in seinen Eingebungen und inneren Bewegungen“ (vgl., ders., ebd.). Das gehört zu den großen Herausforderungen der Seelsorge im Großen wie im Kleinen, durch die eigene Lebensschule des Gebetes zu einem Lehrer und einer Lehrerin des Betens für andere zu werden - nicht durch große Worte und Erzählungen, sondern durch das Tun und durch ein Offensein im Alltag für das Wirken Gottes. Der hl. Franz von Sales beschreibt darum das Beten und die Wirkungen des Betens so: „Wir müssen unser Herz offenhalten für den Himmel und den heiligen Tau erwarten“ (vgl., ders., ebd.). Beten heißt, den Himmel offenhalten und jene Kraft erbitten, die einen ganz durchdringt wie Tau. Für die Seelsorge eine große Herausforderung und zugleich lohnenswert! Was wir an Gottesdiensten feiern, im Gebet der Heiligen Messe vor Gott tragen und in den vielen Frömmigkeitsformen, die uns vertraut sind, im Schweigen, Klagen oder Stillsein tun, um vor Gott zu stehen, bedeutet: Gebet ist das Herz offenhalten für den Himmel! So wird Gottes Reich in und unter uns wirklich (vgl. Lk 10,9.11). Hier ist ein Weg aufgezeigt, der helfen kann, Wesentliches zu tun, was das Christsein als Kirche in unserer Welt erneuert. Es geht darum, Wege zu zeigen, die uns offen machen für Gott und uns in eine Mitleidenschaft ziehen mit den Menschen, mit denen wir leben. Unser Herz offenzuhalten für den Himmel, das macht unser Denken weit und unsere Hoffnung groß. Dabei wird der hl. Franz von Sales nicht müde, auf Jesus Christus hinzuweisen als auf den, den die Menschen verlassen haben, der beschimpft und verleumdet wurde, oft niedergedrückt von viel Leid, von Traurigkeit und Belastungen, aber den Himmel offen hält

V.
Hierin liegt eine zweite tiefe Einsicht des hl. Franz von Sales, nämlich im Blick auf Jesus Christus mit solidarischen Augen die Leiden unserer Welt zu sehen, der vielen Menschen, derer, die unter die Räder geraten sind, die in den Wassern des Mittelmeeres und sonstwo ertrinken, der Opfer von Hunger, Terror, Krieg und Gewalt. In all diesen erniedrigenden Widerwärtigkeiten können wir Christus selbst sehen und von ihm her unser soziales Tun verstehen. Je länger, je mehr wird dies an der Art und Weise deutlich, wie wir unaufdringlich, demütig und bescheiden, immer in Verbundenheit mit Christus, Gutes tun. Die Kraft des christlichen Glaubens liegt auch im Sozialen, im Solidarischen und im Eintreten für Gerechtigkeit und Frieden. Auf diese Weise will Gott dem Menschen nahe sein. Mit poetischer Genauigkeit drückt Franz von Sales dies so aus: „So reißt Gott uns im Feuer der Liebe an sich, verbindet uns mit sich, hält uns bei sich fest,…“ (vgl. T. 7.1. S. 663 ff, in: Texte zum Nachdenken. Franz von Sales. Feuer und Tau, Freiburg 1986, S. 104). Es geht darum, das eigene Handeln immer wieder mit dem Handeln Gottes zu verbinden, alle gesammelte Aufmerksamkeit im Tun zusammen zu sehen mit der Aufmerksamkeit Gottes für uns. Gerade um der Leidenden und an den Rand Gedrängten Willen, wird Franz von Sales nicht müde, zu mahnen, in eine innige Beziehung zum gekreuzigten und leidenden Jesus einzutreten, um eben immer mehr zu lernen, alles, was wir tun, immer mehr an Gottes Willen auszurichten und den Gekreuzigten vor Augen zu haben. Weil es Franz von Sales um einen einfachen und nackten Glauben geht, nicht um einen Glauben von tröstlichen Empfindungen und Gefühlen. Es geht ihm um einen einfachen Glauben im Alltag, der das Gute einfach und mit großer Ehrfurcht und Demut tut, so als wolle er ein großes Wort des hl. Paulus umsetzen, das dieser an die Galater geschrieben hat: „Ich bin mit Christus gekreuzigt worden; nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir. Sobald ich aber jetzt noch in dieser Welt lebe, lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich für mich hingegeben hat“ (Gal 2,19b -20).

VI.
Ob Franz von Sales wohl hieraus die Kraft gefunden hat, so sehr missionarisch tätig zu werden, dass die Kirche in der Grenzregion zwischen der Schweiz und Frankreich damals wieder neue Glaubwürdigkeit gewinnen konnte? Er konnte so mitreißend sein, weil er von Innen so überzeugt war. Er war so überzeugend, weil er sich ganz Gott zur Verfügung gestellt hatte. Hierin folgt der hl. Franz von Sales durchaus auch dem Lebenszeugnis der Zisterzienserinnen, die hier in Kloster Saarn vom 13. bis zum 19. Jahrhundert gelebt haben. Auch die Zisterzienserinnen entstammen einer Reformbewegung, nämlich der Ordensgemeinschaften des 12. Jahrhunderts. Damals geht es um eine Neubelebung des Ideals des hl. Benedikt, durch eine Einfachheit, die zugleich tief in Gott gegründet, aber ganz auf den Menschen und deren Sorgen und Nöten ausgerichtet ist, lebendig zu glauben.

VII.
Hier schließt sich ein Kreis, der zwar historisch so nicht gewollt ist, aber doch zeigt, dass die Aufgabe der Orden, auch im Gefüge eines lebendigen Bistums wie unseres Ruhrbistums, darin besteht, zur beständigen Reformation anzuhalten: durch Gebet und Tun, durch eine Verinnerlichung des Glaubens bei gleichzeitiger Radikalität in der Hilfe und Nähe zu den Menschen in Not. Ob nicht auf Dauer unsere Kirche in ihren Pfarreien und Gemeinden dort lebendig bleiben wird, wo genau davon etwas zu spüren ist, getragen von einer lebendigen Gemeinschaft, von Aufmerksamkeit und von der Überzeugung, dass so wirklich Christus lebt. Einfach und auf den Punkt gebracht, bedeutet christliches Leben in Pfarreien und Gemeinden in der säkularisierten, postmodernen Welt: Berührt von Gott, auf ihn zu setzen und betende Menschen zu werden und zu bleiben, gleichzeitig davon beseelt, ganz bei den Armen, bei denen in Not, also bei denen zu sein, in denen uns der gekreuzigte Christus entgegenkommt, um durch das Leben zu zeigen, was wiederum das Motto der Oblaten sagt: „Ich habe ihn erfasst und lasse nicht mehr los – Tenui nec dimittam“!

Im Namen unseres Bistums und persönlich danke ich den Oblaten für die 50 Jahre ihres Dienstes in unserem Bistum, für ihr Lebenszeugnis und erbitte ihnen weiterhin Kraft für ihr Tun, solange ihre Kräfte reichen, um bei uns zu bleiben. Verbunden bleiben wir alle durch den, der uns aussendet, um vom Reich Gottes Zeugnis zu geben, damit auch für uns gilt, was der hl. Franz von Sales sein Ordensbrüdern ins Stammbuch geschrieben hat: Mögen wir dort blühen, wo Gott uns hin gepflanzt hat. Amen.

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Predigt im Pontifikalamt zu „50 Jahre Oblaten des hl. Franz von Sales (OSFS)
im Kloster Saarn“ – 14. Sonntag im Jk C – Samstag, 6. Juli 2019, 18:00 Uhr,
Klosterkirche St. Mariä Himmelfahrt, Mühlheim a. d. Ruhr-Saarn

Bischof Dr. Franz-Josef Overbeck




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Letzte Änderung am Dienstag, 09 Juli 2019 11:18

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